Dieser Artikel wurde zuerst auf The Bit Journal veröffentlicht.
Die Regulierung von Prognosemärkten entwickelt sich rasant zu einem der größten Rechtsstreitigkeiten im Finanzsektor. US-Bundesstaaten und Bundesbehörden liegen im Clinch darüber, wer bei Plattformen wie Kalshi und Polymarket das Sagen hat.
Die Branche ist massiv gewachsen und verzeichnet mittlerweile ein monatliches Handelsvolumen von über 20 Milliarden Dollar. Längst geht es dabei nicht mehr nur um Politik und Krypto Spekulationen, sondern auch um Wirtschaft, Sport und sogar um Prognosen für private Unternehmen.
Dieses rasante Wachstum bringt jedoch eine fundamentale Frage auf den Plan: Sind Prognosemärkte legitime Finanzinstrumente oder schlichtweg Glücksspielplattformen, die sich hinter einem schicken Namen verstecken?
CFTC und Bundesstaaten kämpfen um die Vorherrschaft
Der Streit um die Regulierung von Prognosemärkten hat sich diese Woche zugespitzt, nachdem die CFTC (die US-Aufsichtsbehörde für den Rohstoff- und Terminhandel) den Bundesstaat Minnesota wegen seines neuen landesweiten Verbots verklagt hat. Dieses Verbot richtet sich gezielt gegen Betreiber von Prognosemärkten wie Kalshi und Polymarket.
Minnesota ist der erste US-Bundesstaat, der das Betreiben, Hosten oder Bewerben solcher Märkte unter Strafe stellt. Das Gesetz soll am 1. August in Kraft treten.
Die CFTC argumentiert nun, dass Minnesota seine Kompetenzen überschreitet. Solche Prognosemärkte unterliegen nach Ansicht der Behörde über den Commodity Exchange Act der Bundesregulierung für Rohstoffe und Derivate.
Mehrere Bundesstaaten sehen das anders. Nevada, Ohio, Maryland, Arizona, Connecticut, Illinois und New York sind bereits mit Klagen, Unterlassungserklärungen oder Vollstreckungsmaßnahmen gegen die Betreiber von Prognosemärkten vorgegangen.
Auch die Gerichtsurteile sind gespalten:
Gerichte in New Jersey stellten sich Anfang dieses Jahres teilweise auf die Seite von Kalshi. Sie urteilten, dass das Bundesrecht für Rohstoffe die Glücksspielbeschränkungen der Bundesstaaten bei von der CFTC zugelassenen Betreibern aushebeln kann. Gerichte in Nevada und Maryland hingegen stärkten die Autorität der Bundesstaaten bei der Glücksspielaufsicht.
Aufgrund dieses wachsenden Konflikts rechnen Rechtsanalysten zunehmend damit, dass das Thema letztendlich vor dem Obersten Gerichtshof der USA landen wird.
Der Kern des Streits ist simpel, hat aber weitreichende Konsequenzen: Sollten Ereignisverträge, die an Wahlen, Sport oder wirtschaftliche Ergebnisse gekoppelt sind, wie Derivatemärkte oder wie Glücksspielprodukte behandelt werden?
Prognosemärkte drängen in den institutionellen Finanzsektor
Die gesamte Debatte über die Regulierung von Prognosemärkten hat stark an Bedeutung gewonnen, da sich der Sektor in hohem Tempo über die reine Spekulation von Privatanlegern hinausbewegt.
Polymarket hat sich vor Kurzem mit dem Nasdaq Private Market zusammengetan, um Prognosemärkte für Unternehmen vor dem Börsengang einzuführen. Trader können dort auf Bewertungen, Zeitpläne für den Börsengang und die Performance privater Unternehmen setzen. Zudem wurden die Partnerschaften mit der New Yorker Börse (NYSE), Google und Yahoo Finance ausgeweitet.
Befürworter argumentieren, dass Prognosemärkte dadurch zu einer Informationsquelle in Echtzeit für die Finanzmärkte werden.
Forscher der US-Notenbank (Federal Reserve) haben Prognosemärkte Berichten zufolge als nützliche Maßstäbe für wirtschaftliche Erwartungen bezeichnet, insbesondere im Hinblick auf Inflation, Zölle und Zinsprogosen.
Auch der Autohersteller Ford hat in der Vergangenheit interne Prognosemärkte genutzt, um Fahrzeugverkäufe vorherzusagen. Laut Dylan Dewdney, dem CEO von Kuvi.ai, lag die Fehlerquote dabei um etwa 25 Prozent niedriger als bei traditionellen Expertenmodellen.
Cathie Wood, die CEO von ARK Invest, nannte Prognosemärkte nach der jüngsten Finanzierungsrunde von Kalshi eine „leistungsstarke neue Schicht der Finanzinfrastruktur“.
Auch institutionelle Investoren steigen zunehmend in den Bereich ein. Laut S&P Global sind Branchengrößen wie Sequoia Capital, Paradigm, Jump Trading, DRW und Susquehanna mittlerweile an den Liquiditätsgeschäften von Kalshi und Polymarket beteiligt.
Diese institutionelle Beteiligung ist wichtig, denn je liquider die Märkte sind, desto genauer werden die Prognosen.
Jeff Park, Berater bei Bitwise, betonte kürzlich, dass institutionelle Investitionen notwendig sind, wenn Prognosemärkte zu wirklich verlässlichen Vorhersagewerkzeugen werden sollen.
Kritiker argumentieren: Prognosemärkte sind nach wie vor nur Glücksspiel
Trotz des Drangs der Branche nach finanzieller Legitimität beharren Kritiker darauf, dass die Regulierung von Prognosemärkten unter das Glücksspielrecht fallen sollte.
Ereignisverträge aus den Bereichen Sport und Politik dominieren derzeit die offenen Positionen bei Kalshi und Polymarket. Allein in diesen Kategorien sind rund 900 Millionen Dollar konzentriert.
Das verleiht den Argumenten von Glücksspielaufsichten und Suchtexperten zusätzliches Gewicht. Sie betonen, dass diese Plattformen genau wie Sportwettenanbieter funktionieren.
Adam Bjorn, der CEO des Wettanbieters Plannatech, brachte es auf den Punkt:
„Das sind zu 100 Prozent Glücksspielplattformen.“
Er erklärt, dass die Bezeichnung als „Ereignisverträge“ oder „Rohstoffe“ am grundlegenden Geschäftsmodell nichts ändere.
Zudem wachsen die Sorgen vor Spielsucht.
Kalshi hat kürzlich 2 Millionen Dollar an den National Council on Problem Gambling zugesagt, da die Kritik an den verhaltensbedingten Risiken des Prognosehandels lauter wurde.
Suchttherapeuten und Verfechter der öffentlichen Gesundheit warnen, dass sportbasierte Prognoseverträge vor allem bei jüngeren Nutzern immer mehr wie traditionelle Online Wetten wirken.
Die CFTC selbst scheint die wachsenden Risiken mittlerweile zu erkennen.
Berichten zufolge prüft die Behörde ein Regelwerk, das Themen wie Insiderhandel, Marktmanipulation und den Schutz der Marktintegrität für Prognosemärkte abdecken soll.
Diese Woche hat die Behörde im Zuge der steigenden Beliebtheit von Sport-Ereignisverträgen neue Integritätsvereinbarungen mit der NHL unterzeichnet.
Der Oberste Gerichtshof könnte über die Zukunft entscheiden
Sollten sich die Bundesgerichte letztendlich für den Vorrang des Bundesrechts entscheiden, dürften Kalshi und Polymarket in der Lage sein, landesweit unter einem einzigen, einheitlichen und von der CFTC kontrollierten Regulierungsrahmen zu expandieren.
Das würde wohl zu mehr Liquidität, einem tieferen Markt und einer schnelleren Integration in traditionelle Finanzprodukte führen.
Behalten hingegen die Bundesstaaten die Oberhand, könnte die Branche in ein System zersplittern, in dem Prognosemärkte je nach Region entweder verboten oder stark eingeschränkt sind.
Für diese Plattformen, die auf eine landesweite Teilnahme angewiesen sind, würde dies ein massives Liquiditätsrisiko bedeuten.
Fazit
Die CFTC und mehrere US-Bundesstaaten sind uneins darüber, wie Kalshi und Polymarket einzuordnen sind. Einige sehen in den Plattformen ein wertvolles Werkzeug zur Vorhersage wirtschaftlicher Trends und zur Steigerung der Markteffizienz. Kritiker betrachten sie schlicht als eine Möglichkeit für Menschen, auf Ergebnisse zu wetten.
Nun liegt es an den Gerichten zu entscheiden, welche Interpretation richtig ist. Da in den verschiedenen Bundesstaaten bereits widersprüchliche Urteile gefällt wurden, könnte die endgültige Antwort am Ende vom Obersten Gerichtshof kommen.
Glossar
CFTC: Die US-Behörde, die für die Aufsicht über die Derivatemärkte zuständig ist.
Prognosemarkt (Prediction Market): Eine Handelsplattform, auf der Nutzer auf den Ausgang zukünftiger Ereignisse spekulieren.
Vorrang des Bundesrechts (Federal Pre-emption): Ein Rechtsprinzip, nach dem Bundesgesetze im Konfliktfall entgegenstehende Gesetze der Bundesstaaten aufheben.
Offene Positionen (Open Interest): Der Gesamtwert der aktiven Verträge in einem Handelsmarkt.
Häufig gestellte Fragen zu Prognosemärkten
Was sind Prognosemärkte?
Prognosemärkte ermöglichen es Nutzern, Verträge über den Ausgang zukünftiger Ereignisse wie Wahlen, Sportereignisse oder wichtige wirtschaftliche Entscheidungen zu kaufen und zu verkaufen.
Warum versuchen einige Bundesstaaten, Kalshi und Polymarket zu verbieten?
Einige Bundesstaaten argumentieren, dass diese Plattformen aufgrund ihrer Struktur unter die Gesetze der jeweiligen Bundesstaaten fallen und faktisch nicht lizensierte Glücksspielbetriebe sind.
Wie positioniert sich die CFTC dazu?
Die CFTC vertritt den Standpunkt, dass Prognosemärkte eine Form des Rohstoff- und Terminhandels sind. Daher müssen sie auf Bundesebene reguliert werden und dürfen nicht von den Behörden einzelner Bundesstaaten kontrolliert werden.
Warum interessieren sich institutionelle Investoren für Prognosemärkte?
Einige große Investoren nutzen Prognosemärkte, um Entwicklungen an den Märkten in Echtzeit zu messen, ein Gefühl für die allgemeine Stimmung zu bekommen und sich ganz allgemein ein besseres Bild von wahrscheinlichen zukünftigen Ereignissen zu machen.
Referenzen

